FluiD im Format

Nonbinäre Fantasiewelten (Sci-Fi, Comics, etc.) mit Edwin Arsenio Ramirez Garcia (@rollingeddie)

Fluid im Format Season 1 Episode 5

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In der fünften Folge von FluiD im Format sprechen wir mit Edwin Arsenio Ramirez Garcia - Stand Up Comic und Performance Artist - über Nonbinartät in Phantasiewelten. Wir tauchen ein in Science Fiction, Comics oder Games und Edwin erzählt uns drei unterschiedliche Beispiele von Phantasiewelten, die nonbinäre Personen sichtbar machen. Dabei erklärt er uns die allgemeine Bedeutung von Sci-Fi und Phantasy als Denkanstoss, um sich neue Gesellschaften oder Gesellschaftsformen auszudenken. Wir fragen they auch, wer schreibt queere oder nonbinäre Geschichten und ist es überhaupt wichtig, dass wir uns diese Frage stellen?  

Hier geht es zur Transkription der Folge.

Sendung mit: 

Meret* Heuss, Tiziana Jäggi, Nina Rothenberger und Edwin Arsenio Ramirez Garcia

Snacks:

Queere Comics und Phantasiewelten:

Liste

Queerer Bücherladen - Queer Books

https://www.queerbooks.ch/

Telegram Gruppe “Queere Fantasiewelten” zur Vernetzung queerer Fantasy & SciFi Fans

https://t.me/joinchat/OUTNt0NDSEpkNzdk

Song Liste:

Screwed (feat. Zoë Kravitz) - Janelle Monaé

Sorry Bro I love you - Dorian Electra

S.H.I.T (Sugar Honey Iced Tea) - Princess Nokia

FluiD im Format-Jingle - ®iginal ©py

Ressourcen:

Intersektionalität:

Begriffe Phantasiewelten:

Infos zum Comic Markt:

Medienpsychologische Einordnung:

Liebers, N.; Schramm, H. (2019). Parasocial Interactions and Relationships with Media Characters-An Inventory of 60 Years of Research. Communication Research Trends. 38 (2): 4–31.

Nina: “Hallo und herzlich willkommen bei FluiD im Format, dein Podcast zum Thema Nonbinarität. Mein Name ist Nina und über mich spricht man mit den Pronomen sie und ihre und ich bin cis. In dieser Radioshow spreche ich jeden Monat mit einem Gegenüber aus der nonbinären Community über ein spezifisches Thema. Dabei stelle ich allerlei Fragen stellvertretend für die Zuhörenden. Diese Sendung mache ich natürlich nicht alleine. Wir produzieren sie zu Dritt.”

Meret*: “Hallo Zusammen ich bin Meret*. Ich bin nonbinär und über mich spricht man ohne Pronomen. Unter dem Namen ®iginal ©py produziere ich Beats und bin auch als DJ unterwegs. In dieser Sendung kümmere ich mich um die Kuration von Themen, Musik und Besuchspersonen.”

Tizi: “Hallo, ich bin Tizi. Ich benutze die Pronomen sie/ihre und ich bin cis. Als Psychologin bin ich in dieser Sendung für die Recherche zuständig und schlage die Brücke zwischen Wissenschaft und Publikum.”

[Musik: Jingle FluiD im Format]

Nina: “Bevor wir heute über das Thema Comics, Science Fiction, Fantasiewelten und Nonbinarität sprechen, klären wir die wichtigsten Begriffe. Tizi, was ist Nonbinarität?”

Tizi: “Wenn über Nonbinarität gesprochen wird, spricht man über Geschlechtsidentität. Geschlechtsidentität heisst mit welchem Geschlecht sich eine Person identifiziert, wir sprechen also von einem inneren Gefühl oder Zugehörigkeit, das sieht man einer Person nicht an. Geschlechtsidentität ist unabhängig vom Körper oder von den Geschlechtsorganen, die eine Person hat und Geschlechtsidentität hat im engeren Sinn nichts mit Sexualität zu tun. Die Geschlechtsidentität von nonbinären Menschen stimmt nicht mit dem Geschlecht überein, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde, also Mann oder Frau. Die Definition trifft ebenfalls auf binäre trans* Personen zu, aber nonbinäre Menschen lehnen das binäre Geschlechterbild, das in unserer Gesellschaft vorherrscht, ab. Ihre Geschlechtsidentität ist also vielfältiger als Mann oder Frau. Neben binären trans* und nonbinären Personen gibt es auch cis Personen: denen ihre Geschlechtsidentität stimmt mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht überein.”

Nina: “Und von wie vielen nonbinären Personen in der Schweiz geht man davon aus?”


Tizi: “Für die Schweiz gibt‘s soweit keine konkreten Zahlen über die Anzahl nonbinärer Personen. Aus verschiedenen internationalen Studien kann abgeschätzt werden, dass es um die 1% der Gesellschaft sein könnte. Das würde für die Schweiz heissen plus/minus 80’000 Menschen und potentielle Besuchspersonen für unseren Podcast.”


Nina: “Bevor wir ins aktuelle Thema einsteigen und das Interview starten mit Edwin, schauen wir nochmals auf die letzte Sendung zurück. In der Folge mit Henrik haben wir anhand eines Beispiels über Intersektionalität gesprochen. Diesem Begriff werden wir sehr wahrscheinlich häufiger über den Weg laufen. Tizi, was genau bedeutet Intersektionalität und woher stammt der Begriff?”


Tizi: “Intersektionalität kommt vom englischen Wort intersection, das Strassenkreuzung bedeutet, und bezeichnet eine Theorie, welche die Erfahrungen von mehrfach diskriminierten Personen sichtbar machen kann. Dabei kann man sich die verschiedenen Strassen als soziale oder politische Identitäten vorstellen, wie z.B. Geschlecht, soziale Klasse, ob eine Person von Rassismus betroffen ist, sexuelle Orientierung oder ob eine Person eine Behinderung hat (das ist keine abgeschlossene Liste). Die verschiedenen Strassen stehen sinnbildlich für die verschiedenen Identitäten einer Person und wo sich diese kreuzen. Aber machen wir ein konkretes Beispiel: Eine Schwarze, nonbinäre Person wird im Alltag aufgrund der doppelten Diskriminierung ihrer Identität andere Erfahrungen machen, als eine weisse, nonbinäre Person, aber auch als ein Schwarzer, cis Mann. Diese Abweichung von Erfahrungen aufgrund unterschiedlicher Identitäten soll mit der Intersektionalität sichtbar gemacht werden. Der Begriff wurde vor ca. 30 Jahren von der Schwarzen Juristin Kimberlé Williams Crenshaw geprägt und wird heute wieder häufiger im Zusammenhang mit feministischen Themen und generell mit Themen der sozialen Gerechtigkeit verwendet.”


Nina: “In der heutigen Sendung werden wir über Comics und Science-Fiction sprechen. Zum Einstieg und zum besseren Verständnis klären wir vorab wichtige Begriffe. Was ist eigentlich genau Science-Fiction und was ist der Unterschied zwischen Comics, Graphic Novels und Cartoons?”


Tizi: “Science Fiction ist eine Erzählkategorie, die man in der Literatur, im Film und Fernsehen, in Videospielen oder in der Kunst finden kann. Übersetzt auf Deutsch heisst Science Fiction sowie wie Wissenschafts-Fiktion/Fantasiewelt. Häufige Themen in Science Fiction sind zukünftige Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, Zeitreisen, parallele Universen oder ausserirdisches Leben. Meistens geht es auch darum, welche Konsequenzen Innovationen oder neue Technologien auf die Gesellschaft haben könnten. 


Comics ist ein Überbegriff und beschreibt das Medium, das man braucht, um Ideen oder Geschichten mit Bilder - häufig in Kombination mit Text - zu vermitteln. Sehr häufig werden Geschichten anhand von kleinen, viereckigen Bildern, welche aneinandergehängt werden, erzählt. Der Text wird oft als Sprechblase oder Überschrift innerhalb der Bilder dargestellt. Cartoons sind einzelne Bilder, die meist eine Pointe erzählen. Am ehesten kennt man Cartoons aus der Zeitung, wo sie oft das politische Tagesgeschehen auf witzige Art spiegeln. In dem Zusammenhang werden Cartoons auch Karikatur genannt. Graphic Novel bezeichnet ein ganzes Buch, welches als Comics geschrieben wurde. Bei dem Begriff habe ich noch gefunden, dass nicht alle Personen mit dem Begriff zufrieden sind, weil es von der Definition her das gleiche beschreibt, wie ein Comic Buch. Der Begriff wird aber aus Marketinggründen gewählt, damit es beim breiteren Publikum besser ankommt, da die Verbindung zwischen Comics und Subkultur/Nerds weniger stark ist.“


[Musik: Jingle FluiD im Format]


Nina: “Herzlich Willkommen, virtuelles Publikum, zu einer neuen Folge FluiD im Format auf gds.fm. Dieses Mal sprechen wir mit Edwin über das Thema Nonbinarität und Fantasiewelten. Wir tauchen in den nächsten paar Minuten oder Stunden in die Welt der Comics, Games und Serien ab und schauen unter anderem, was es für queere und nonbinäre Figuren in diesen Welten gibt. Gegenüber von mir begrüsse ich ganz herzlich Edwin, vielen Dank, dass wir bei dir zuhause zu Besuch kommen dürfen. Ich habe mich auf Instagram ein bisschen schlau gemacht und gelesen, dass du dich selber mit den folgenden Worten beschreibst: Stand Up- Comic und Performance Artist aus der Schweiz, afrodomenikanisch, nonbinär und ein Teil des Theaterprojekts Criptonite zusammen mit Nina Mühlemann. Und du bist ebenfalls ein Teil des queeren Kollektivs FluiD. Ich bin Nina und ich verwende die Pronomen sie und ihre, welche Pronomen verwendest du?“ 


Edwin: „Ja also, hallo Nina. Mein Name ist Edwin, ich verwende die Pronomen er/ihn, they/them oder auch keine Pronomen. Und es freut mich hier sein zu dürfen.“ 


Nina: „Dann beginnen wir doch gleich mit einer sehr persönlichen Frage und zwar: Wenn du magst und dich wohl fühlst damit, uns deine Identität zu beschreiben.“ 


Edwin: „Also ich bin eine nonbinäre afrodomenikanische Person und das betone ich deswegen, weil bei Leuten aus Lateinamerika gibt es ganz viele verschiedene Kombinationen von Herkünften und Hautfarben und Schwarz Sein ist etwas, das in der Dominikanischen Republik auch viel diskutiert wird und noch nicht so viel Platz einnimmt und für mich ist das ein wichtiger Teil um immer zu betonen, weil das ist ein Teil von mir und ich finde auch sehr viel Schönes und sehr viel Freude darin und deshalb will ich das zelebrieren genauso wie meinen Nonbinarität. Ich bin auch ein Crip. Crip ist eine Bezeichnung, die Menschen mit Behinderung manchmal für sich nutzen und es ist so etwas wie eine Zurückeroberung des Wortes Cripple, was aus dem Aktivismus herauskommt und auch da wieder ähnlich wie queer.“


Nina: „Jetzt waren wir ja schon so ein bisschen bei der persönlichen Reise und ein Teil unserer Sendung ist ja auch, dass wir unsere Besuchspersonen immer nach einem Song oder Audio-Artefakt fragen, das wichtig war oder immer noch wichtig ist für sie. Was hast du uns mitgebracht? Was hören wir und weshalb hast du das mitgebracht?“ 


Edwin: „Ja, wir hören jetzt in Kürze das Lied Screwed von Janelle Monaé, das ist das ihrem Album Dirty Computer. Janelle Monaé hat schon immer sehr viel Sci Fi Elemente in ihrer Musik drin gehabt und Geschichten dazu geschrieben und diese sozusagen in Alben. Dirty Computer ist auch das Album mit dem sie auch als queer herausgekommen ist als pansexuelle Frau und das war auch für mein persönliches Coming Out mega mega.“


Nina: „Dann hören wir jetzt rein.”


[Musik: Screwed (feat. Zoë Kravitz) - Janelle Monaé]


Nina: „Wir springen nochmal zurück und zwar hast du gesagt, dass du verschiedene Pronomen-Varianten verwendest. Für jemanden, der sich noch nicht so gut auskennt: Wie funktioniert das am besten für dich, wie fühlst du dich wohl damit?“ 


Edwin: „Ja also ich finde es eigentlich cool, wenn man alterniert. Was mich ein bisschen nervt, ist, dass es im Deutschen kein neutrales Pronomen gibt wie they/them, deshalb finde ich Alternieren ein guter Kompromiss, bei dem ich selber finde: ‚Okay tun wir so ein bisschen alles rein und das kommt dann auch hin.‘ Also manchmal they und dann wieder ihn, dann mal keines. Es gibt Leute, die wollen es unbedingt alternierend oder sie haben eine bestimmte Reihenfolge und bei mir spielt das aber keine Rolle.“ 


Nina: „Dann springen wir heute ins eigentliche Thema schon mal rein und beginnen damit, wie lange dich schon die verschiedenen Fantasiewelten begleiten und was sie dir bedeuten.“


Edwin: „Also ich bin eigentlich schon seit jeher ein Fan von Science Fiction und Fantasy Geschichten. Ich kann gar nicht genau sagen wie oder wo das angefangen hat… Also doch, eigentlich schon: Ich habe einen älteren Cousin, bei dem ich oft war, und der hatte mir die neuesten Videospiele und hatte auch Interessen in Manga und Anime. Und noch ein anderer Cousin von der anderen Seite der Familie, der auch so ein bisschen diese Interessen hatte. Ja für mich war das immer so mit übernatürlichen Sachen oder Fantasy Elemente, dass die mich schon immer sehr interessiert und angezogen haben. Hingegen habe ich die normale Welt als Kind schon fast langweilig empfunden, was auch etwas war, was ich dann lernen musste, dass ich nicht zu fest abtauche. Ja aber eigentlich schon seit immer.“ 


Nina: „So im Sinne der Zugänglichkeit versuchen wir, dass so viele Menschen wie möglich den Podcast verstehen können. Zu den Worten, die sie eben nicht kennen, wie Manga und Anime, wenn du einen Einblick geben kannst, was genau damit gemeint ist.“ 


Edwin: „Ja also mit Mangas sind japanische Comics gemeint und mit Anime sind japanische Animationsfilme gemeint.“ 


Nina: „Gibt es gewisse Dinge, die sehr typisch sind oder die immer vorkommen?“

 

Edwin: „Was bei Anime und Manga eher ist, ist, dass Bewegungen eher überzeichnet sind; dass Emotionen sehr viel stärker ausgedrückt werden, so ein bisschen Telenovela-mäßig. Ich kann Telenovela sonst auch gerne nochmals erklären (lacht).“ 


Nina: „Unbedingt (lacht).“


Edwin: „Ja eben, so ein bisschen melodramatisch und es hängt weniger am Realismus, sondern überzeichnet auch gerne Dinge und stellt unmögliche Dinge dar. Telenovelas sind Fernsehdramen aus überwiegend Lateinamerika, die sehr beliebt sind überall, wo man Spanisch spricht. Und viele Leute, die Telenovelas mögen, mögen auch Anime.“ 


Nina: „Ganz generell: warum ist das wichtig in diesem Podcast oder generell, dass wir über diese Phantasiewelten reden?“ 


Edwin: „Es gibt ganz viele Leute, die finden diese Dinge cool, aber was nach wie vor auch ist, ist dass viele dieser Welten noch im Mainstream aus einer sehr weissen und cis hetero-männlichen Perspektive geschrieben werden oder besonders diese Geschichten an die Vorderfront kommen, was dazu führt, dass ja in diesen Geschichten oft auch Dinge wie Queerness nicht thematisiert werden oder People of Color auch nicht darin vorkommen, was sich aber auch immer mehr ändert, habe ich das Gefühl. Das ist auch etwas, das sich in mir verändert hat – je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich Figuren gesucht, die mir irgendwie ähnlich sind oder die mir eine Richtung geben können. Ich habe die dann mit der Zeit auch gefunden und konnte mich dann auch wieder neu verlieben darin. Egal wie fantastisch diese Geschichten sind, sie spiegeln eigentlich auch immer unsere Gegenwart wider und sie spiegeln von dem her auch unsere Vorurteile wider, wie wir die Welt sehen und wer ist wichtig und wer nicht, oder.“ 


Nina: „Gibt es auch Geschichten oder Figuren – also das passiert mir manchmal, dass ich vielleicht in der Kindheit oder in der Jugend etwas gelesen habe und dann im Erwachsenenalter, in dem ich jetzt bin, ich es nochmal lese und das ganz anders wahrnehme oder auch andere Dinge begreife – ist dir das auch schon passiert und wenn du gerade ein Beispiel nennen kannst.“


Edwin: „Ja, absolut. Also ich mache das sowieso noch gerne oder ich finde es spannend, wenn ich zu Dingen zurück gehe, die ich als Kind bereits cool fand oder gelesen habe, und dann mit neuen Augen nochmals anschaue. Und ein Beispiel ist: Ich habe als Teenager Herr der Ringe gelesen und ich habe eigentlich erst später gemerkt als ich nochmal darauf zurückgekommen bin: ‚Oh, alle People of Colour in Herr der Ringe sind so ein bisschen bei den Orks angesiedelt und werden als böse dargestellt.‘ Und das kommt ja auch nicht von irgendwoher, das sind ja auch so unbewusste Vorurteile, die da immer auch mitschwingen und wenn sie dann kreiert werden. Das ist auch ein Grund, wieso es auch Phasen gab, in denen mich das weniger begleitet hat als auch schon.“


Nina: „Und noch so um unser Gesprächseinstieg abzuschließen: Haben diese Phantasie auch für deine eigene künstlerische Praxis eine Bedeutung oder inspirieren dich?“ 


Edwin: „Mega, mega fest. Also alleine schon die viele Outfits, die ich irgendwie schon in Comics oder Serien gesehen habe, bei denen ich teils finde: ‚Oh okay kann ich mich da irgendwie annähern und kann ich mich selber damit kleiden oder meinen eigenen Stil darin finden?‘ Das ist ein Element. Es gibt ganz viele Leute, die sich mit dem Thema befassen und es ist ein Teil unserer Kultur. Also wenn ich jetzt zum Beispiel Witze schreibe – ich schreibe immer über Dinge, die mich gerade beschäftigen – ich habe eben auch schon einen Witz gemacht, bei dem es genau um das Sich-Wieder-oder-Nicht-Wiedererkennen im ‚Herr der Ringe‘ ging, bei dem es vielleicht drei Leute lustig gefunden haben. Aber das war es mir absolut Wert (beide lachen).“


Nina: „Das war gerade eine sehr gute Überleitung. Da sind wir schon bei der Zahl 3, denn wir haben uns vorgenommen in den nächsten Minuten auf drei ausgewählte Beispiele einzugehen so aus der Comicwelt, eine Serie werden wir noch anschauen und ein Game, also Kartenspiel. Warum haben wir die ausgewählt? Wir beginnen einfach mal.“


Edwin: „Ja voll. ‚The Wicked + The Divine‘ ist ein Comic produziert von Image Comics geschrieben von Kieron Gillen und gezeichnet von Jamie McKelvie. Und es ist ein Fantasy Comic, in dem es darum geht, dass alle 90 Jahre zwölf Götter wiedergeboren werden als junge Menschen. Und das passiert im Jahr 2014 wieder und diese Götter werden zu Popstars und diese Popstars sind angelehnt an unsere Welt. Und das ist ein Comic, in dem geht es um den Tod und auch darum: ‚Wie gehe ich mit Raum um?‘ Es ist mega mega schön gezeichnet und mega mega queer. Und wieso mir dieser besonders wichtig ist, ist weil ich dort zum ersten Mal einen nonbinäre Figur gesehen habe in so einer Geschichte drin und mir ist wirklich das Hirn explodiert und ich fand so: ‚Oh, das bin ja ich.‘ und deshalb bin ich auch bis jetzt noch sehr stark mit diesem Comic verbunden. Ich habe auch Freund*innen kennengelernt über das im Netz und wir immer noch Kontakt haben. 

Also was hat richtig cool war bei dem: Also etwa 80% aller Figuren, die darin vorkommen, sind queer und das wird alles mega selbstverständlich angeschaut und das ist mega wichtig. Und die Figuren sind auch mega kompliziert. Also oftmals, wenn queere Figuren irgendwo vorkommen, dann müssen sie ja meistens fast perfekt sein, oder… Oftmals war die Erfahrung, dass wenn queere Figuren vorgekommen sind, dann waren das so die Bösen oder die, die die Guten verführen und so weiter. Und jetzt wird fast überkorrigiert und man macht sie wahrscheinlich perfekt. Und was ich an diesem Comic mega schätze, ist, dass sie mega messy sind: Also sie haben ihre Schattenseiten und sie haben ihre guten Seiten.“ 


Nina: „Was mich immer sehr interessiert – ich weiss nicht ob du das weisst, aber weil ich selber immer etwas Probleme habe damit, einen Titel zu finden für Arbeiten – wenn du weisst, woher der Titel kommt und etwas dazu erzählen könntest.“ 


Edwin: „Der Titel ‚The Wicked + the Divine‘ kommt davon, dass es eben um die jungen Stars / Götter geht, die genauso verehrt werden und göttlich sind, wie sie auch verrucht und auch fehlerhaft sind; und so ein bisschen diese Dualität und wie mit dem umgegangen wird. Der Comic ist gelaufen von 2014 – 2019.“ 


Nina: „Und wenn du noch über diese Figur sprechen könntest, die dich so inspiriert hat – oder wie du gesagt hast – die dein Hirn zum Explodieren gebracht hat. Wenn du mir mehr über diese erzählen könntest und für Leute, die es nicht kennen, vielleicht den Zeichnungsstil beschreiben.“ 


Edwin: „Ja, diese Figur heißt Inanna. Inanna ist ursprünglich die Gottheit der Liebe aus Sumeria oder so. Diese Gottheit ist visuell sehr an Prince angelehnt, also wirklich sehr, sehr stark, also so stark schon, dass es in der ersten Szene, in der die Figur vorkommt, violett runter regnet – also sehr, sehr subtil (lacht). Ja das war einfach eine Figur mit blonden Haaren und überall pinker Glitzer und die in der Art mega lieb und umgänglich und fürsorglich ist, und gleichzeitig aber auch sehr im Reinen mit sich selber und der eigenen Sexualität ist. Und das ist für mich so: ‚Oh, so will ich sein.‘ Oder das sind Dinge, die mir sehr wichtig sind, wie eben dieses Fürsorgliche und Sanfte beizubehalten und gleichzeitig auch so stylisch auszusehen und Freude zu haben. 

Wie soll ich den Zeichnungsstil beschreiben: Also die Proportionen der Figuren sind realistisch. Die Welt ist mehr oder weniger unsere Welt, abgesehen von diesen 12 Göttinnen und Götter, die zum Teil dieser Superkräfte bekommen haben. Die Farben sind sehr knallig. Es spielt auch sehr viel mit Licht und Farbe und eben die Hauptinspirationen sind generell Musikvideos und es ist ein Musikvideo in Comicform. Und was man auch noch sagen kann: Ich bin dann diesen Machenden von diesem Comic auf Twitter gefolgt, sie selber waren noch nicht queer als sie den Comic begonnen haben, haben dann aber ihr Coming Out gehabt und über sie habe ich danach ganz viele Zeichner*innen und Schreiber*innen in der Comicwelt kennengelernt, die auch queer sind oder queere Allies. 

Ich habe dann gemerkt, dass sehr oft im Fernsehen oder im Film viel Geld involviert ist und dann hat man auch gesagt: ‚Okay, wir dürfen es nicht zu queer machen.‘ Und bei Comics, weil es so kleine Teams sind, kann man dann viel eher viel queerere Geschichten haben. Das war für mich in dem Moment sehr wichtig. Und ich habe danach praktisch nach dem gelechzt gelegt und bin von einem Comic zum anderen gesprungen und das mache ich auch heute noch.“ 


Nina: “Bevor wir im Gespräch mit Edwin weiterfahren, legen wir eine kleine Pause ein und sprechen mit Tizi über die Hintergründe von Comics. Die erste Frage an dieser Stelle ist: Comics oder Comicbücher werden eher als Nischenprodukt assoziiert. Stimmt da meine Wahrnehmung oder sieht das eigentlich ganz anders aus?“


Tizi: “Der globale Markt für Comicbücher hat im Jahr 2020 3.8 Billionen Dollar erwirtschaftet. Der Markt ist im asiatisch-pazifischen Raum am grössten und Europa trägt nur etwa ⅕ vom weltweiten Markt bei. In der Schweiz werden Comics viermal weniger häufig gelesen als Bücher. In der Romandie liest man aber häufiger Comics als in den anderen Sprachregionen der Schweiz. Zwei der grössten Verleger von Comics sind Marvel Comics, die unter anderem die Geschichten der Avengers erzählen und DC Comics, wo man z.B. Batman oder Superman kennt.”


Nina: “Und dann habe ich noch eine letzte Frage und zwar würde es mich aus medienpsychologischer Sicht interessieren, warum Menschen Comics lesen.”


Tizi: “Die Gründe Comics zu lesen, sind eigentlich dieselben, wie wenn wir andere Medien konsumieren. Viele Gründe laufen darauf hinaus, wie unsere Stimmung ist oder welche Gefühle wir erleben möchten. Z.b kann man entsprechend der Medienauswahl oder Handlung einer Geschichte die eigene Stimmung managen und sich gewissen Gefühlslagen bewusst aussetzen, indem man sich z.B. spannungsreichen Handlungen aussetzt oder eben nicht. Man kann durch Medien allgemein aber auch Beziehungen aufbauen. Die Beziehungen zu Figuren aus Geschichten werden parasoziale Beziehungen genannt; im Unterschied mit sozialen Beziehungen zwischen zwei Menschen, ist bei parasozialen Beziehungen die Interaktion limitiert. Abgesehen von der limitierten Interaktion findet man die gleichen Prozesse wie bei sozialen Beziehungen: Je mehr man von der Person erfährt und weiss, desto mehr vertraut man dem Charakter oder fühlt sich dem Charakter verbunden. Und, wenn die Comic Buch Serie endet, kann man oft auch sowas wie Trennungsschmerz spüren. Aber zum Glück meistens nicht so lange und intensiv wie bei sozialen Beziehungen.”


Nina: “Vielen Dank für die spannenden Hintergründe aus der Welt der Comics. Und weiter geht es mit Dorian Electra und dem Song ‘Sorry Bro I love you’. Dorian Electra ist eine US-amerikanische, genderfluide Person, welche als Singer-Songwriter, Videokünstler*in und Drag Artist bekannt ist. Die Musik von Dorian Electra spielt oft mit toxischer Männlichkeit, macht Anspielungen und hat homoerotische Untertöne.”


[Musik: Sorry Bro I love you - Dorian Electra]


Nina: “Herzlich willkommen zurück bei FluiD im Format auf gds.fm. Wir sind mitten im Gespräch mit Edwin zum Thema Nonbinarität und verschiedene Fantasiewelten. Wir schauen uns ein zweites konkretes Beispiel an. Es ist glaube ich eines, das – behaupte ich mal – ziemlich viele Leute kennen und überrascht sind, nämlich Star Trek. Why?”


Edwin: „Also wir reden von Star Trek, weil es laufen jetzt gerade wieder zwei neue Star Trek Serien und die eine davon heisst ‚Star Trek Discovery‘. Das ist eine neue Serie in der – ich weiss nicht ob es zum ersten Mal ist – meines Wissens nach zum ersten Mal eine schwarze Frau in der Hauptrolle ist und jetzt auch in der dritten Staffel auch eine nonbinäre Person, die von einer nonbinären schauspielenden Person gespielt wird, und auch they/them-Pronomen braucht. Und es ist grossartig. Also ich muss auch sagen: Ich war selber vorher noch nie ein Trekkie, also für mich war das alles etwas zu kompliziert, also ich wusste nicht wo anfangen und deshalb dachte ich: ‚Ich lass es lieber sein.‘ Und dann hab ich aber eben gehört davon, dass Star Trek Discovery kommt und begann es zu schauen und bin jetzt auch ziemlich drin.“


Nina: „Für non-Trekkies wie mich: Erzählt denn diese Discovery-Variante die originale Geschichte nochmals in einer anderen Variante oder ist es ein Weiterspinnen der ursprünglichen Geschichte?“ 


Edwin: „Also, so wie ich das verstehe, spielt die Serie 10 Jahre vor der ursprünglichen Star Trek Serie – zitiert mich nicht und sonst schreib mir hässige Mails auf Instagram – genau also es fügt sich in die bestehende Star Trek Geschichte ein mit neuen Figuren und das ist der Vorteil bei Science Fiction: Die Skala ist so gross, man kann eigentlich immer noch eine neue Figur dazu erfinden und neue Geschichten spinnen.“ 


Nina: „Vielleicht doch noch für Leute, die jetzt nur Star Trek als Namen kennen – falls man das irgendwie zusammenfassen kann, so ganz grob gesagt, um was es geht. Es sind ja irgendwie irgendwelche Leute, die sich im Weltall bewegen, wenn ich das richtig weiss, aber du weisst das besser.“ 


Edwin: „Ja also sollte man vielleicht noch sagen: Star Trek war im Deutschen lange bekannt als am Raumschiff Enterprise. Vielleicht sagt das den Leuten auch mehr. Und es geht eigentlich darum, dass die Menschheit Raumschiffe hat und Aliens getroffen und die Enterprise geht jetzt raus in das nichts quasi und erkundet das unbekannte Weltall nach neuen Zivilisationen und so weiter. Was es ausmacht, ist, dass es schon immer sehr an soziologischen Dingen interessiert war, was bei Science Fiction nicht immer der Fall ist. Oftmals bei Science Fiction ist es entweder so: Wie funktionieren die Raumschiffe oder welche Technologien gibt es? Aber was bei Star Trek halt wirklich speziell war: Es gab immer noch sozialkritische Dinge dabei und schon von Anfang an. Also die Serie hat in den 60er Jahren angefangen und es hat seither immer wieder neue Staffeln gegeben mit neuen Personen, die irgendwo in dieser Timeline drin sind. 

Also es war in den 60er Jahren bahnbrechend, weil es zum ersten Mal eine schwarze Frau gab in einer der Hauptrollen und auch einen asiatischen Mann. Und das hat eigentlich schon damals für sehr viel Aufruhr gesorgt: Die Leute waren sich das nicht gewohnt und für viele – ich glaube, wir müssen jetzt nicht sagen für wen genau – war es zu politisch und sie fanden: ‚Das geht gar nicht.‘ Und wie sich die Zeiten gewandelt haben, hat sich auch die Star Trek Serie gewandelt. Jetzt gab es schon lange keine mehr und Discovery ist jetzt quasi die erste seit Langem wieder und macht natürlich in diesem Zug genau weiter mit noch mehr People of Colour und diesmal wirklich auch in der Hauptrolle und jetzt auch neu mit offenen trans* Identitäten.“ 


Nina: „Was ich immer sehr spannend finde, ist mit diesen: ‚Bist du ein Trekkie oder nicht?‘ hat sich wie so eine internationale, Globus-umspannende Fangemeinschaft gebildet und dass es auch teilweise – also ich weiss das nur von Star Wars – verschiedene Lager gibt, je nachdem wie sich Handlungen entwickeln oder auch wie Filme gemacht werden und das finde ich ein sehr spannendes Phänomen, wenn du mehr dazu sagen kannst oder ob du vielleicht auch selber auch bei so einer Fangemeinde dabei bist und wie das ist?“ 


Edwin: „Ja also, ich bin immer noch ein sehr frischer Trekkie und ich geniesse es mit Vorsicht und ich taste mich langsam da heran. Aber es hat definitiv auch die Leben von Menschen geprägt. Es gab, glaube ich, Menschen in England, die eine Religion gegründet haben basierend auf den Jedi von Star Wars – das ist jetzt mal so ein extremes Beispiel, aber es hat schon seit jeher Einfluss gehabt in der normalen Welt. Zum Beispiel viele Leute, die jetzt bei der NASA arbeiten, haben diesen Wunsch bekommen, weil sie als Kind Star Trek geschaut haben und das zeigt eigentlich auch, dass obwohl es Phantasiewelten sind, kann das auch Einfluss haben auf unsere reale Welt. Es kann uns genauso inspirieren wie andere Geschichten auch. 

Und wie auch schon bei der alten Star Trek Serie gibt es jetzt auch wieder sehr viele Leute, auch ältere Trekkies, die finden: ‚Hey, nein, das ist nicht mein Star Trek. Das ist viel zu politisch und ich vermisse die guten alten Zeiten als sie noch überhaupt nicht politisch waren‘, was eigentlich nie so war – sie haben sich einfach mit der Zeit weiterentwickelt. Und das ist etwas, was man immer wieder sieht und ich finde da besonders spannend bei Science Fiction und Fantasy, bei denen eigentlich schlussendlich alles möglich sein sollte und dann aber plötzlich heisst es: ‚Oh, nein, da hat es jetzt eine trans* Person mit they/them-Pronomen, das geht nicht.‘ Aber irgendwie mit Lichtgeschwindigkeit zu reisen, das ist dann kein Problem. Die Fantasy und vor allem die Science Fiction Gemeinde sieht sich eigentlich besonders als liberal und offen, was sie dann aber nicht immer sind. 

Also eben, jetzt kommen immer mehr neue Stimmen zu Wort, die in diesen Welten gross geworden sind und die sich jetzt auch in diesen Welten sehen wollen. Und ich bin absolut dafür, ich finde auch für mich selber, wenn Queerness in einer Welt fehlt, dann hast du keine Welt geschaffen, die mich interessiert. Dann hast du eine Welt geschaffen, die absolut unrealistisch ist und das ist auch eine große Stärke von Science Fiction und Fantasy, dass man diese Probleme anschauen kann und vielleicht ein bisschen abstrahieren um neu darüber nachzudenken.“

 

Nina: „Findest du denn oder hast du das Gefühl, dass sind in diesen Szenen oder in diesen Arten von Szenen mehr Queers zuhause sind als in anderen?“ 


Edwin: „Also, ich denke schon auch. Es gibt ja auch den Joke, dass wenn du als Kind auf griechische oder ägyptische Mythologie gestanden bist, dass du dann queer geworden bist und das ist bei mir absolut auch so (beide lachen). Und das hängt halt schon damit zusammen, dass zum Beispiel in diesen mythologischen Stories war man einfach schwul oder nicht. Ich meine, man war ein Gott, das war egal. Und dann findest du dich eher in diesen Spaces, also diesen Geschichten und fühlt sich dort hingezogen als wenn du – ich sag jetzt mal – so in einer Fangemeinde bist, in der die Leute Clint Eastwood Western cool finden, da gibt es sicher auch Queers, aber ich würde jetzt mal sagen weniger.“ 


Nina: „Um noch den Bogen zu ziehen: Wir waren eigentlich ursprünglich bei unseren drei ausgewählten Beispielen. Wir schliessen noch mit etwas anderem, was auch sehr spannend ist zu besprechen und zwar ein Kartenspiel das heisst ‚Magic: The Gathering‘. Schiess los, was müssen wir darüber wissen?“ 


Edwin: „Also ‚Magic: The Gathering‘ ist ein Kartenspiel, das man zu zweit gegeneinander spielt, und jede Person spielt eine einen Zauber*in und die Idee ist die Lebenspunkte des Gegners mit den eigenen Karten auf 0 zu bringen und die eigenen mindestens auf 1 oben zu behalten. Mit diesen Karten beschwört man dann Monster oder Kreaturen, oder spielt Zaubersprüche, um das Feld zu beeinflussen und um dann zu gewinnen. Dieses Spiel gibt es seit 1995 und es kommen alle paar Monate immer wieder neue Karten heraus. Es gibt auch eine ganze Geschichte dahinter mit Romanen und Comics. Und ich bin da reingekommen durch eine gute Freundin vor zwei Jahren. Mich interessieren Fantasywelten eh schon und wenn man das mit einem coolen Spiel verbindet, bei dem man auch zusammensitzen kann und quatschen kann, dann umso besser. 

Das Spiel entwickelt sich immer weiter und wird komplexer aber was natürlich auch passiert, ist, dass die Figuren im Hintergrund auch komplexer werden und auch inklusiver. Und es gab vor ein paar Jahren eine Figur, die keine Pronomen braucht. Das wurde dann auch so gesagt. Es ist dann immer schwierig zu sagen wie viele von denen, die das Spiel spielen, interessieren sich auch für die Geschichte dahinter und sieht man das jetzt diesen Figuren an oder nicht. Und im letzten Set gibt es eine offene nonbinäre Figur, die auch einen wichtigen Teil in der Geschichte spielt und they/them-Pronomen braucht, und ja das ist ein grosser Schritt quasi für das Spiel. Die erste Figur, die keine Pronomen braucht, heisst Ashiok und sieht so ein bisschen aus wie ein Geist mit einem schwarzen Gewand, so ein bisschen seidig verläuft so ein bisschen wasserfarbenmässig, und weiter oben, dort, wo die Augen sein sollten, endet der Kopf eigentlich, es hat noch so ein bisschen Nebel dort und ja das ist ziemlich abgefahren. Und die zweite Figur heisst Niko Aris und sieht – ich würde jetzt sagen – so ein bisschen ostasiatisch aus von den Zügen und den Features, weisses Haar mit einer grauen Strähne drin – schickt mir DM’s, wenn ich falsch liege –  und die spezielle, besondere Kraft dieser Figur ist, in Parallelwelten rein zu schauen und die auch zu bereisen. 

Die Firma, die das Kartenspiel macht, ist mega gross und auch dort bekomme ich manchmal den Eindruck wie bei Marvel und DC: ‚Ja wollen die jetzt einfach noch so ein bisschen die queere Audience abgrasen, weil sie wissen, dass wir jetzt zum Teil auch Geld haben? (lacht) Oder wollen sie uns tatsächlich dabei haben?‘ Und das ist eine Debatte, die eigentlich jetzt noch läuft, und die Leute verschiedene Positionen darunter haben. Also Ich bin absolut dafür. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass eine junge queere Person sich durch dieses Kartenspiel auch findet.“ 


Nina: „Diese drei Beispiele, die besprochen haben, sind ja auch ziemlich verschieden Medienwelten oder bilden verschiedene Medien ab. Trotzdem: Gibt es Elemente, die sie verbinden? Weshalb können wir sie trotzdem zusammen anschauen?“ 


Edwin: „Ja eben, es sind verschiedene Beispiele, die quasi Identitäten und Leute, die noch nicht involviert gewesen sind, neu vermehrt einbringen. Bei dem auch Leute, die diese Identitäten selber haben, sich selber sehen wollen und deshalb angefangen haben, eigene Geschichten zu schreiben da drin. Es gibt sehr viele queere Nerds, die vielleicht noch nicht wissen, dass sie queer sind und sich durch das auch finden können und so das auch für sie mitnehmen können, was für sie wichtig ist. Das ist ein sehr wichtiger Teil von mir… 

Ich bin nebenbei auch sehr politisch unterwegs und das ist enorm wichtig, dass man auch weiss, wie abschalten; dass man nicht in ein Burnout reinkommt. Ich finde es wichtig zu wissen, dass die Geschichten da sind, die mir interessante Geschichten bieten oder interessante Gedankenspiele und auch Leute, die aussehen wie ich. Oder bei dem ich genau weiss: ‚Okay, da wird jetzt etwas vorgestellt, was ich noch nicht so gut kenne, von dem ich aber genau weiss: Das gibt es in unserem Leben auch.‘ Und das macht mir Freude und ist mir wichtig und das ladet mich auf sozusagen. Als eine Person, die politisch sehr aktiv ist, und auch will, dass sich viele unserer gesellschaftlichen Strukturen noch verändern, damit wir wirklich auch alle gleichberechtigt leben können, ist es für mich besonders wichtig, dass ich durch diese Welt auch Alternativen sehe, auch wenn sie noch nicht ganz durchdacht sind oder noch nicht erreichbar, einfach auch als Reminder dafür, dass ich weiss, dass die Welt anders sein könnte; dass das nicht die einzige Möglichkeit ist, die wir haben. Eben es gibt so viele Dinge, bei denen das stattfinden, oder es sind so grosse Systeme, gegen die man ankämpft, und das kann sehr schwierig sein, einfach dran zu bleiben und die Energie zu finden, das zu tun, oder eben um sich auch bewusst zu sein, dass das anders gehen könnte.“


Nina: „Ist es dir wichtig oder schaust du drauf, wer hinter einem Werk steht? Ja oder nein, und wenn ja: wieso?“ 


Edwin: „Ich schaue je länger, umso darauf, wer hinter einem Werk steht, weil ich selber die Erfahrung gemacht habe, dass Leute, die die Marginalisierung schon selber durchgemacht haben oder einfach Perspektiven haben, die wir noch nicht oft gehört haben, und die vielleicht viel mehr neue spannende Aspekte bringen können und einfach auch viel besser darin sind, von ihrem eigenen Standpunkt aus zu schreiben, ohne dabei gleich in jedes Klischee reinzufallen. Wir sind uns selber sehr bewusst, wie über uns geschrieben wird und was über uns gesagt wird und wie man das am besten kontern kann. Und wir sind auch erpicht darauf, authentische Geschichten über uns zu schreiben und und zu erzählen und das ist mir enorm wichtig. Das heisst jetzt nicht, dass ich Geschichten von weißen cis Männern gar nicht mehr lese oder schaue – das ist eigentlich auch fast unmöglich so omnipräsent wie die sind – und ja auch dort schau ich auch eher darauf: Welche Vibes gibt mir diese Geschichte? Habe ich das Gefühl, dass hier noch andere Stimmen drin sind? Wie gut kann die Person zuhören und Erfahrungen, die die Person selber nicht gemacht hat, einfliessen lassen? 

Es ist allgemein wichtig, dass wenn man eine Geschichte schreibt – man schreibt ja nicht nur über sich selber – auch das zuhören ist extrem wichtig. Man muss Dinge ja auch nicht selber durchgemacht haben um eine gute Geschichte schreiben zu können. Das sind doch zwei verschiedene Skills Sets. Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass queere Geschichten automatisch immer besser sind. Das ist ja dann auch falsch, aber nach wie vor: Wenn man zum Beispiel als queere Person eine Geschichte über sich schreibt, dann musste man sich eh schon beweisen gegen 1000 cis ‘Heten’ und ist allein dadurch schon besser geworden. Von dem her ja (lacht) die Antwort ist komplex, aber ja… (lacht).“

 

Nina: „Als nächstes hören wir den Song ‚S.H.I.T (Sugar Honey Iced Tea)’ von Princess Nokia.“


[Musik: S.H.I.T (Sugar Honey Iced Tea) - Princess Nokia]


Nina: “Die New Yorker Rapperin Princess Nokia benutzt they/they- und she/her-Pronomen und sagt über sich selber, dass sich Princess Nokia jeden Tag anders fühlt: Manchmal maskulin, manchmal feminin und manchmal etwas dazwischen. Princess Nokia erklärt weiter: ‚Ich bin eine Gender-nonkonforme, androgyne Person‘ und erinnert dabei daran: ‚Ich mache großartige Kunst, die andere inspiriert und das ist alles, was zählt.‘ 

Herzlich willkommen zurück bei FluiD im Format auf GDS.fm. Wir sind mitten im Gespräch mit Edwin zum Thema Fantasiewelten und Nonbinarität. Und mich würde als nächstes interessieren, ob du Möglichkeiten siehst oder schon erlebt hast, dass Science Fiction Welten die Zukunft vorhersagen oder sich irgendwann in einer Realität bewahrheitet haben?“ 


Edwin: „Mhm, mir kommt besonders ein Buch in den Sinn von Octavia E. Butler, das auf Englisch heisst ‚The Parable Of The Sower‘ und auf Deutsch heisst es ‚Die Parabel vom Sämann‘. Sie ist eine afroamerikanische, schwarze Autorin, die vor allem in den 80er und 90er Jahren geschrieben hat. ‚The Parable Of The Sower‘ spielt im Jahr 2024 und der Klimawandel hat die Welt schon drastisch verändert, viele Staaten in der USA sind von Hitzewellen betroffen, die Schere zwischen Arm und Reich ist weiter aufgegangen, die Reichen verschanzen sich jetzt quasi in so Städtchen umzingelt mit Wänden während die Armen quasi ums Überleben kämpfen. Die Hauptfigur ist ein junges schwarzes Mädchen, ein Teenager Mädchen, die hyper empathisch ist und den Schmerz von anderen physischen mit spürt und eigentlich aus ihrer Community von zu Hause verstoßen wird und eine eigene Religion gründen will. weil sie findet, dass die Zukunft der Menschheit in den Sternen liegt. Das ist so die Kurzfassung. Und was da sehr prophetisch war für mich, ist eben der Klimawandel und auch, dass Firmen oder Grossfirmen – weil sie wissen, dass Leute immer verzweifelter nach Jobs suchen – die Leute nochmal neu versklaven, eben dadurch, dass sie eben nicht mehr aus den Schulden rauskommen und quasi bei diesen Firmen in Schuld sind und das Leben lang dann schuften. Das Buch ist 1993 geschrieben worden. In diesem Buch kommt auch ein US-amerikanischer Präsident vor, der letztlich ein Hardcore Chris ist aus den Staaten, der findet ‚Make America great again‘. 

Und ja Ich habe dieses Buch letzten Sommer zum ersten Mal gelesen und ich dachte: ‚Vieles, was dort passiert, passiert jetzt eigentlich gerade schon. Ich weiss nicht, ob Octavia Butler die Zukunft vorhersagen sagen wollte, aber ich glaube sie hat einfach die Welt angeschaut wie sie in den 90er Jahren war und hat gesagt: ‚Okay, was passiert, wenn das oder das noch extremer wird?‘ und hat das einfach 30 Jahre in die Zukunft projiziert. Und ja ich muss leider sagen: Ich glaube wir sind auf dem Weg dorthin und zum Teil sind wir auch schon angekommen. Diese Dinge passieren nicht alle zum ersten Mal. Eben Sklaverei hat es schon gegeben und es wäre ein Fehler zu denken, dass wir jetzt einfach genug Fortschritt gemacht haben, so dass das nie mehr passieren wird. Fortschritt ist ja immer etwas, das wieder verloren gehen kann, wenn man nicht aufpasst. Von dem her: Ja, es gibt definitiv Science Fiction, die prophetisch ist und war. Ja.“ 


Nina: „Jetzt waren wir gerade bei einer Autorin, die du schon gelesen hast. Gibt es jetzt aktuell noch etwas, was du am Lesen bist und was du erzählen willst oder darauf eingehen willst?“ 


Edwin: „Ja. Ich würde gerne auf meine absolute Lieblingsautorin ever eingehen. Das ist N.K. Jemisin. Das erste Mal, als ich ein Buch von ihr gelesen habe, war 2014. Sie schreibt eigentlich alles so im Fantasy Bereich, Science Fiction und alles dazwischen und verschiedene Kurzgeschichten aber auch längere Bücher und Trilogien. Und bei ihr habe ich zum ersten Mal Fantasy von einer schwarzen Frau gelesen und ich habe den Unterschied gleich gemerkt: Also sie denkt über strukturelle Machtdynamiken nach bei vielen Dingen. Wer hat wieviel macht und wann? Wie sind wir alle sozial gestellt? Und das kommt in ihrer Arbeit sehr viel vor. Sie hat auch ein Psychologiestudium gemacht bevor sie anfing Bücher zu schreiben, und das ist etwas, was ich an ihrer Science Fiction auch sehr schätze und mich sehr anzieht. 

Im Moment schreibt sie gerade einen Comic, der heisst Far Sector. Da geht es um eine junge schwarze Frau, die ein Green Lantern wird. Green Lantern sind Space Polizist*innen mit Ringen und durch den Ring können sie in ihrer Fantasie Konstrukte schaffen, die dann in der Realität einfluss haben. Also wenn sie dann an eine Faust denkt, dann kann sie mit diesem Ring eine Faust bilden und dich dann ins Gesicht schlagen damit (lacht), ganz einfach gesagt. Und in diesem Buch geht es darum, das diese Green Lantern in ein fremdes System geschickt wird, in dem drei verschiedene Zivilisationen zusammenleben und wo seit 1000 Jahren Frieden herrscht, weil alle Emotionen verboten worden sind und dann passiert nach 1000 Jahren zum ersten Mal ein Mord und es geht auch eine Droge um, die den Leuten erlaubt, Emotionen zu spüren. Und sie versucht dann den Mord aufzuklären und zu schauen, dass kein Krieg ausbricht. Also auch dort wieder sehr viel Sci-Fi Konzept aber auch mit sehr vielen sozialen Dingen, die dann zusammenspielen.“ 


Nina: „Deine Begeisterung für diese Welten ist ja riesengross und du hast ja auch schon sehr früh einen Einstieg gefunden durch deinen Cousin – wie du erzählt hast. Wenn man jetzt auch so ein bisschen diese Begeisterung in sich spürt, gibt es etwas, was du empfiehlst, wie man so ein bisschen smooth einsteigen kann und damit man nicht gleich so überfordert ist?“ 


Edwin: „Ja genau. Ich würde so als Einstieg… Also ich finde Comics immer einen guten Einstieg, weil es auch das visuelle Medium hat, das ein bisschen mitspielt, und die Geschichten werden einem in so kleinen Häppchen serviert und man kann ein bisschen reinschauen und schauen, ob es etwas für einem ist. Und besonders empfehle ich da die Bücher von Vita Ayala. Vita braucht keine Pronomen, ist queer und nonbinär und schreibt für DC und Marvel und viele andere Verleger. Und sonst könnt ihr mir auch gerne eine DM schreiben auf Instagram und mich fragen oder sagen, was gern habt, und dann habe ich vielleicht eine Empfehlung für euch. Genau, mein instagram handel, damit ihr mir schreiben könnt falls ihr entweder wütend seid oder sonst mit mir reden wollt ist @rollingeddie.“

Nina: „(lacht) auch sonst ein sehr toller Account zum Folgen.“ 


Edwin: „Ja, ich liebe memes, das müssen die Leute einfach wissen. Ich liebe memes, ich muss das jetzt einfach sagen (lacht).“ 


Nina: „Wir sind jetzt bereits auch am Ende unserer heutigen Sendung angelangt und mir bleibt noch Eines und zwar dir die letzte Frage zu stellen und zwar: Was ist dein Wunsch für die Zukunft?“ 


Edwin: „Mein Wunsch für die Zukunft ist eigentlich, dass wir vor allem marginalisierte Leute mit marginalisierten Stimmen mehr Platz haben in allen möglichen Geschichten, ob die Geschichten gut sind oder schlecht. Also es ist eigentlich das beste Zeichen, wenn wir jetzt mit so vielen schlechten Geschichten über uns überschwemmt werden, dass wir gar nicht mehr richtig aufpassen, dann sind wir angekommen. Wieso mir dieses Thema eigentlich besonders wichtig ist, auch als Person, die politisch sehr aktiv ist: Es zeigt mir Welten auf, die auch anders sein könnten, und dass auch unsere Welt, so statisch wie sie scheint, nicht unveränderbar ist. Also es gibt einen Grund, weshalb wir jetzt hier sind und weshalb die Hierarchien jetzt existieren, und die Hierarchien kann man auch wieder umstapeln. ‚All that you judge, you change. All that you change, changes you. The only lasting truth is change. God is change.‘ Diese Worte wurden geschrieben von Octavia E. Butler. Das ist aber auch schön, ist anders, aber auch schön: ‚Jede Geschichte, die ich erschaffe, erschafft mich. Ich schreibe, um mich selbst zu erschaffen.‘“ 


Nina: “An dieser Stelle möchte ich Edwin ganz herzlich Danke sagen für das inspirierende und humorvolle Gespräch bei dem ich sehr viel gelernt habe. Als Take-Away von dieser Ausgabe kann man sicherlich mitnehmen, dass Comics und Sci-Fi sehr gute Möglichkeiten sind, queere Geschichten und Identitäten abzubilden, um an neuen, vielfältigen Gesellschaftmodellen herumzudenken und sich kreativ auszuleben.

Ich weiss ja nicht wie es Euch geht, aber ich habe langsam aber sicher ein bisschen Hunger. Deshalb serviere ich jetzt - zumindest in der Vorstellung - drei Snacks zum Thema Fantasiewelten und Nonbinarität. 

Als erstes findet Ihr dazu in den Shownotes zu dieser Sendung eine Zusammenstellung queerer Comics und Quellen von Fantasiewelten. Dort findet Ihr auch alle Titel, welche wir in der Sendung mit Edwin gemeinsam besprochen haben und weitere Empfehlungen. Falls Ihr dann ein, zwei oder drei Titel gefunden habt, welche Euch gefallen, könnt Ihr diese auch gleich bei Queerbooks.ch bestellen. Das ist unser zweiter Snack. In diesem virtuellen Buchladen findet Ihr liebevoll aufbereitete Titel aus der queeren Bücher- und Fantasiewelt. Klickt Ihr z.B. auf den Menüpunkt ‘lesbische Auswahl’, findet Ihr eine Abteilung mit Comics und Mangas. Als dritter und letzter Snack gibt es etwas für Menschen, die jetzt Lust haben sich mit anderen Fans queerer Fantasiewelten zu vernetzen. In den Shownotes findet Ihr ein Link zu einer Telegram-Gruppe, die Edwin extra eröffnet hat.

Zum Schluss bleibt mir nur noch eins, und zwar Danke zu sagen. Als erstes geht mein Dank an gds.fm und dort besonders an Michèle und Chrigi. Ohne sie wäre diese Sendung nicht möglich gewesen. Zeigt eure Unterstützung indem ihr eine Mitgliedschaft bei gds.fm löst. So helft ihr, dass gds.fm als unabhängiges und werbefreies Radio auch in Zukunft weiterhin besteht. 

Diese Radioshow ist eines von mehreren Projekten von FluiD. Das queere Kollektiv kreiert u.a. Events, um Geschlecht auf eine spielerische Weise zu hinterfragen oder Radioformate, um über Geschlechtsidentitäten zu sprechen und gängige Rollenbilder zu hinterfragen.  

Hast du Lust mit uns in Kontakt zu treten? Gibt es Fragen, die wir noch nicht beantwortet haben? Oder hast du einen generellen Input für die nächste Sendung oder kennst du eine Besuchsperson, die wir nicht verpassen dürfen? Schreib uns eine Mail an fluidimformat@gmail.com oder füll das Kontaktformular in den Shownotes aus. Danke fürs Zuhören, machs gut und bleib gesund!”

[Musik: Jingle FluiD im Format]